Hans-Jürgen Westphal singt

Lieder am Vorabend I

Ich bin geboren in der DDR. Ich bin aufgewachsen in der DDR. Als ich Schüler der 8. Klasse war, im Jahre 1966, wurde auch ich angesteckt vom Beatlesfieber. Ich kaufte mir eine Gitarre und begann zu üben. Schnell fand ich Freunde und das Projekt „Beatgruppe“ wurde in Angriff genommen. Liedgitarre, Bassgitarre, zwei Rhythmusgitarren und Schlagzeug. Es wurde geprobt mit Radios, die zu Verstärkern umfunktioniert wurden. Elektrische Gitarren wurden beim Versandhaus bestellt, denn in Groß-Polzien, dem kleinen Dorf im Kreis Anklam, Bezirk Neubrandenburg gab es keinen Musikladen, der unsere Wünsche hätte erfüllen können. Geprobt wurde bei uns zu Hause auf dem Boden. Da ging es laut zu, so laut, dass die Musik in jeder Ecke des Dorfes überdeutlich zu hören war. Doch es gab eigentlich keinen ernsthaften Ärger. Als Käti Dams, eine Genossenschaftsbäuerin mit anderem Musikgeschmack, eines Sonntag nachmittags zum „Sheriff“, so hieß bei uns der Abschnittsbevollmächtigte, ging und ihm ihr Leid klagte, sie könne bei dem Krach keinen Sonntagsschlaf halten, den sie doch verdient hätte, musste der Dorfpolizist pflichtgemäß für Ruhe sorgen. Er hatte natürlich auch schon von weitem unseren Lärm gehört aber keinen Grund zum Einschreiten gesehen. Käti, die uns gegenüber nicht die Böse sein wollte, machte ihm Beine. Damals waren die Haustüren nicht abgeschlossen und der Volkspolizist trat ins Haus, dann in die Stube. Jedoch musste er meinen Vater, der seinen Sonntagsschlaf auf der Couch hielt, wecken. Der Sheriff wollte natürlich auch nicht der Böse sein und stammelte, selber wäre er nicht gekommen aber Käti hatte ja auch Rechte. Schlaftrunken kam mein Vater die Treppe herauf und rief „Ihr spielt so laut, dass ich aufgeweckt wurde!“ Die Begebenheit führte dazu, dass wir Rücksicht nahmen und weniger laut probten. Das wiederum brachte uns das Wohlwollen der Gemeindevertretung ein. „Unsere Jugend ist lernfähig! Wir müssen sie unterstützen.“ <weiter>

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